Leitsysteme lenken Verkehrsströme. Im Straßenverkehr übernimmt dies beispielsweise die Straßenwegweisung, die die speziellen Belange von Fahrzeug-Verkehrsströmen berücksichtigt. Entsprechend brauchen auch Fußgänger angepaßte Leitsysteme. Hierfür sind bereits die verschiedensten Lösungen entwickelt worden und es kommen immer noch neue hinzu.

Immer noch verlaufen sich Fußgänger

Dennoch werden nach wie vor Gebäude oder Verkehrsanlagen eröffnet, in denen sich Fußgänger nicht zurecht finden. Besonders gefährdet und in der Vergangenheit auch betroffen gewesen sind Flughäfen. Dies nicht nur wegen ihrer bisweilen sehr ausgeprägten Verkehrsströme, sondern auch wegen den vielschichtigen Anforderungen ihrer internationaler Nutzer. Aber auch andere Umsteige- und Verkehrsknoten, Messegelände, Krankenhäuser, Firmen- oder Hochschulgelände - um nur einige wenige Anwendungsfälle zu nennen - sind auf eine schnelle und sichere Orientierung ihrer Besucher angewiesen.

Die Entstehung immer neuer Fußgänger-Leitsysteme einerseits, die andauernde Aktualität von Orientierungsproblemen andererseits lassen vermuten, daß das Problem der Fußgängerführung bis heute noch nicht abschließend und zufriedenstellend gelöst worden ist. Dies nachzuholen hat sich der Verfasser in seiner Untersuchung "Fußgänger-Leitsysteme: Planung von Leitsystemen in Fußgänger-Verkehrsanlagen am Beispiel von Fluggast-Empfangsgebäuden" zum Ziel gesetzt.

Es gibt genügend Leitsystem-Varianten

Entgegen üblicher Praxis ging es dabei nicht um die Entwicklung eines weiteren neuen Leitsystem-Entwurfs. Vielmehr setzt die Untersuchung auf der Hypothese auf, daß in der bereits erwähnten, inzwischen Jahrzehnte andauernden Entwicklungszeit weltweit brauchbare und qualifizierte Ergebnisse in ausreichender Zahl erarbeitet worden sein müßten. Diese wären dann zu identifizieren und für die Praxis nutzbar zu machen. Eine umfangreiche Bestandsaufnahme bestehender Richtlinien und Empfehlungen bildet somit die erste von drei Säulen der Untersuchung.

Die zweite Säule stellt die detaillierte Analyse eines Leitsystems am Beispiel des Flughafens Stuttgart dar. Beurteilungskriterien bezogen sich auf die Berücksichtigung anwendbarer Planungsgrundlagen und auf die Einhaltung einer erkennbaren und verständlichen inhaltlichen Logik. Die dabei gewonnenen Ergebnisse konnten weitgehend anhand einer Auswertung der Nutzerfragen am Informationsschalter des Flughafens bestätigt werden.

Beschilderungspraxis wurde untersucht

Zur Abrundung der Untersuchung erfolgte mit Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) als dritte Säule eine Umfrage unter den Mitgliedsflughäfen. So konnten die Erfahrungen, Einschätzungen und Probleme der Beschilderungspraxis von sechzehn deutschen, österreichischen und schweizer Verkehrsflughäfen mit in die Untersuchung einfließen. Im wesentlichen hat dies zu den folgenden Untersuchungsergebnissen geführt.

Es fehlen verbindliche Planungsvorgaben

Bis dato gibt es keine verbindlich anwendbaren Richtlinien und Empfehlungen für die Planung von Fußgänger-Leitsystemen. Folglich gibt es hierfür auch keine geeigneten fachlichen Qualifikationen, was wiederum die zweifelsfreie Definition organisatorischer Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten erschwert. Mangels eigener Fachkompetenz wird die Planung oft an Kommunikationsdesigner und andere Spezialisten verwandter Disziplinen delegiert. Diese entwickeln immer neue individuelle Systeme, in die häufig auch das optische Unternehmens-Erscheinungsbild, die sogenannte Corporate Identity, mit integriert wird.

Schildervielfalt erschwert Verständnis

Dies führt zu einer großen Vielfalt an Beschilderungslösungen. Deshalb muß sich der Nutzer an einem ihm fremden Ort jedes Mal von neuem in das Leitsystem eindenken, um es effektiv nutzen zu können. So besteht beispielsweise in einer unruhigen Umgebung die erste Aufgabe - bewußt oder unbewußt - in der grundsätzlichen Klärung der Schilderfarbe. Deren Kenntnis erleichtert anschließend das Auffinden von Informationen erheblich. Aber selbst dann weiß der Nutzer immer noch nicht, ob er bei seinem Ziel nach Textbotschaften oder Piktogrammen suchen soll und um welche es sich dabei im einzelnen handelt. Ein Rückgriff auf bekannte Prinzipien ist insoweit oft nicht mehr möglich. Das kann die Anforderungen an den Nutzer auf ein Maß erhöhen, das er nicht mehr erfüllen kann - oder will. In beiden Fällen hat dann das Leitsystem versagt.

Optische Integration heißt Verstecken

Leider werden Leitsysteme insbesondere gestalterisch nach wie vor immer noch als notwendiges Übel betrachtet. Es wird daher häufig versucht, Leitsysteme durch entsprechende Gestaltung bestmöglich in das Umfeld zu integrieren. Das kann beispielsweise durch Farbwahl oder durch dezente Schilderplazierung erfolgen. Hier ist jedoch ein Umdenken erforderlich. Leitsysteme sind eine verkehrliche Angelegenheit, bieten sie doch für die Lenkung von Verkehrsströmen dringend benötigte Informationen. Alleine der Fußgänger als Nutzer sollte daher die Anforderungen definieren. Diese richten sich nach seinen Wahrnehmungsfähigkeiten. Grafische Akzente sind dabei ebenso hindernd wie eine optische Integration in die Verkehrsanlage, die eher als Verstecken zu bezeichnen wäre.

Planungsgrundlagen liegen nun vor

Ein wesentliches Untersuchungsergebnis ist die Zusammenstellung eines international einsetzbaren und überwiegend auf bestehenden Standards aufsetzenden Baukastens aus Wegweisungskomponenten und Gestaltungselementen. Er erlaubt die Planung konsistenter und nutzerfreundlicher Leitsysteme nach objektiven Gesichtspunkten. Anders als die bisher bekannten Richtlinien und Empfehlungen über Fußgänger-Beschilderung beschränkt sich dieser Baukasten jedoch nicht auf die bloße Definition der einzelnen Bausteine. Er enthält auch eine detaillierte Anleitung für ihren Einsatz. Diese beginnt mit Empfehlungen zur Bestimmung von Schilderstandorten, geht weiter über Regeln zur Informationsbeschränkung, Prüfungstechnik der Beschilderungslogik und endet mit Hinweisen über Inventarisierung und Leitsystemwartung.

Gute Leitsysteme haben Kostenvorteile

Auf diesen Empfehlungen basierende Leitsysteme haben neben Qualitäts- bzw. Service-Vorteilen auch Kostenvorteile. Durch eine optimierte logische Struktur kommen diese Systeme mit weniger Schildern aus. Jedes eingesparte Schild senkt unittelbar die direkten Kosten. Weitere Einsparungen ergeben sich aus der Standardisierung beispielsweise dadurch, daß sich nicht mehr benötigte Schilder umsetzen, d. h. andernorts weiterverwenden lassen. Gute Leitsysteme reduzieren aber auch die indirekten Kosten, indem Personal, wie z. B. Schalter-Angestellte, seltener durch Fragen der Besucher in seiner Arbeit behindert wird.

Zusammenfassend hat die bisher übliche individualistisch geprägte Betrachtung von Fußgänger-Leitsystemen aus der Sicht des jeweiligen Anlagenbetreibers zu einer Variantenvielfalt geführt, die den Nutzer überfordert und somit ihren Zweck nicht mehr genügend erfüllt. Künftige Leitsysteme sollten sich daher an einem übergreifenden Beschilderungsstandard für Fußgänger-Verkehrsanlagen orientieren, wie ihn die Untersuchung empfiehlt.

Schrittweise Optimierung ist möglich

Zugegebenermaßen bestehen teilweise erhebliche Diskrepanzen zwischen den heute anzutreffenden Fußgänger-Leitsystemen und den Empfehlungen der Untersuchung. Dies führt zu der Frage nach der Praxistauglichkeit der Untersuchungsergebnisse. Eine praxisgerechte Umsetzung ist jedoch insoweit möglich, als daß ein Leitsystem als lebendes System ohnehin der ständigen Überprüfung und Nachführung bedarf. Im Rahmen dieser laufenden Wartung und Pflege kann eine kontinuierliche Umstellung mit vertretbarem Aufwand erfolgen. Voraussetzung hierfür ist ein individuell aufgestellter Aktionsplan, der die erforderlichen Maßnahmen in einer Dringlichkeitsreihung beschreibt.